Ein Tag am Strand

 

 

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Das Meer war grau und nass. Es war so wütend, dass nicht einmal die Möwen sich aus ihren Nestern trauten. Wie ein alter Sklaventreiber peitschte es mit seinen schäumenden Wellen den dunklen Sand des Strandes. Und wenn sich die Möwen nicht in seine Nähe trauten, dann waren für gewöhnlich auch keine Menschen zu sehen. Außerdem war es bereits dunkel. Und keiner fürchtet das Meer mehr als der Mensch, wenn es dunkel, wütend und bedrohlich ist. Und es war nicht nur dunkel, vielmehr erinnerte die Farbe des Wasser an ein ausgelaufenes schwarzes Tintenfass, es war nicht nur wütend sondern zornig und aggressiv, und bedrohlich ist kein passender Ausdruck für die Angst, die es einem einflößte, für die Furcht in der jeder erstarrte, der sich dem zischenden Schaum näherte.           

Und dennoch schien es einen zu geben, der über die Gewalt des Meeres erhaben war. Einen,  der sich nicht um das wütende Gebrüll kümmerte und der die Wellen nicht fürchtete. Sonst wäre er nicht an jenem Abend draußen gewesen. Vielleicht glaubte er mit seinem schwarzen Ölzeug  nicht gesehen zu werden, aber das Meer sieht jeden, genauso wie jeder das Meer sieht, der in dieser kleinen Küstenstadt wohnt. Trotzdem schien ihn an diesem Abend nur einer bemerkt zu haben. Und wenn der auch behauptete blind und taub zu sein, so behaupteten andere, dass sich seine Krankheit in besonders schlimmen Nächten verflüchtigte und dass er dann besser sah als jede Eule und mehr hörte als jeder Luchs. Und jene Nacht war eine von diesen.            

Man erzählt sich, dass der alte Tom am nächsten Morgen verwirrt durch die ganze Stadt gelaufen sei und jedem erzählt habe, er hätte Louise getroffen, seine Frau, die vor etlichen Jahren spurlos verschwunden war, nachdem sie ein Stückchen mit dem Ruderboot hinausgefahren war. Aber was er wirklich gesehen hatte, erzählte er niemandem. Es wurde erst bekannt als sein Testament verlesen wurde, lange Zeit nachdem der Mann am Strand die Schaufel vergessen hatte. Und es war nichts, das man als belanglos hätte bezeichnen können, auch nicht angesichts der Tatsache, dass es bereits 12 Jahre her war. Das Meer vergisst nicht und es gibt Dinge, die auch bei den Menschen nach 12 Jahren noch nicht vergessen sind. Besonders nicht, wenn es sich um Kinder handelt.           

Die Schaufel wurde von Kindern, die nach dem Sturm am Strand nach Treibgut suchten, in der Nähe eines angespülten Wracks eines alten Ruderboots gefunden. Da sie voller Blut war, hatten diese sie nicht mitgenommen, sondern waren nach Hause gerannt und hatten ihren Eltern Bescheid gegeben, welche wiederum die Polizei alarmierten, was schließlich dazu führte, dass eine ganze Staffel, ausgerüstet mit Hunden und uniformierten Polizisten, einen Tag lang den Strand abkämmten. Was sie dabei fanden stellte sich schließlich als zweijähriges Mädchen heraus, stranguliert mit einer Schnur wie sie die Fischer zum Flicken ihrer Netze benutzen und anschließend mit einer Schaufel verunstaltet, so dass man nur mit Mühe das geschändete Gesicht als das eines Mädchens erkennen konnte. Einen Meter tief musste dafür gegraben werden und wenn sie nicht so ein verdammtes Glück gehabt hätten und nicht so gut aufgepasst hätten, wären sie von der Flut überrascht worden.             Es war unmöglich, dass der alte Tom in dieser Nacht nur einen schwarzen Mann gesehen hatte. Aber so behauptet er es in seinen letzten Worten. Ein Mann in schwarzem Ölzeug, der geduckt am Strand entlang läuft, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Anscheinend hatte er es eilig, andererseits beschrieb Tom seinen Gang als majestätisch und würdevoll. Aber der alte Tom hatte in seinen letzten Tagen sehr stark nachgelassen und seine Ärzte versicherten jedem der es wissen wollte, dass er nicht mehr bei klarem Verstand sei, dass er von Louise redete und von Leuten, die niemand kannte.            

Niemand kannte das Kind und niemand hatte es als vermisst gemeldet. Es ist schwierig, ein Kind das nicht vermisst wird zu finden. Man weiß nicht, was man mit ihm anfangen soll, und wenn es tot ist macht das die ganze Sache nicht einfacher.        

Es wurde nie jemand gefunden, der Anspruch auf das Kind erhob. Und so hätte man es auch dem Meer überlassen können, die Gezeiten hätten es mit der Zeit freigespült und mitgenommen. Aber das Meer ist geduldiger als die Menschen. Die Menschen sind ungeduldig und so wollte der Mann in jener Nacht das Kind ausbuddeln um dem Meer einen Teil der Arbeit abzunehmen. Vielleicht wollte er auch sein Gewissen durch körperliche Arbeit beruhigen, es davon abbringen, die Schuld am Tod des Kindes einzugestehen. Am Tod des ungewollten Kindes. Nachdem der alte Tom diesen Abend sehr genau geplant hatte, hatte er ihn in seinem Testament niedergeschrieben. Er wollte sich von der Last befreien. Er schrieb auch, dass er sah, wie der Mann plötzlich verschwunden war. Die Wellen hatten ihn verschluckt, hatten das freimütige Angebot eines alten Mannes angenommen und sich sein Leben genommen. Dass ihn sein Zwillingsbruder gut vertreten würde, daran hatte Tom keine Sekunde gezweifelt, das einzige, was ihm wirklich Sorgen bereitet hatte, war die Wettervorhersage. ...

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