Unsiversalerfinder

 

 

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Universalerfinder

Not macht erfinderisch 

Nachdenklich sitzt er an seinem mit Papieren überfüllten Schreibtisch. Während seine Finger immer wieder durch seine langen Haare streifen, kauen seine Zähne auf einem Bleistift herum, dem man ansieht, dass er allein diesem Zweck dient. Jochen ist so in Gedanken versunken, dass er nicht mitbekommt, wie ein Brief in seinen Briefkasten geworfen wird. Dabei ist das Klappern so laut, dass es ihn mitten in der Nacht aus seinem Murmeltierähnlichen Schlaf reißen würde. Um ihn herum befinden sich allerlei skurrile Dinge. Von einem Teegeschmackserkenner bis zur selbsteinsetzbaren Zahnkrone enthält seine Werkstatt alles, was man brauchen oder auch nicht brauchen kann. Jochen sinniert noch über das Angebot der Regierung nach, ihr seine neueste Erfindung, eine Antigravitationspille, zu verkaufen. Sie hat ihm ein Angebot von 50 Millionen Euro gemacht. Geld, das er als armer Erfinder nicht unbedingt ausschlagen sollte. Aber vielleicht gibt es noch eine Möglichkeit dieses Geld zu vermehren? Eine laute Trompete weckt ihn auf. Die Türglocke. Jochen lässt sich aus seinem Sessel auf ein Förderband kippen und fährt darauf zur Tür. Als er dort ankommt ist sie schon geöffnet. Julia steht davor, seine Nachbarin. Sie hat einen Teller mit drei Stückchen Kuchen in der Hand.

„Hallo, Jochen!“ grüßt sie ihn freundlich. „Na, haben Sie Lust auf etwas Kuchen?“

„Oh, hallo Julia. Aber immer doch. Was haben Sie denn leckeres gebacken?“

„Och, bloß eine kleine Schokoladentorte zum Geburtstag meines Jüngsten. Diese drei Stücke konnte ich gerade noch retten.“

„Das ist aber wirklich sehr freundlich. Warten Sie einen Moment, ich habe doch etwas für Michael.“

Nach einer Minute kehrt Jochen mit einem Geschenk in der Hand zurück. Er reich es Julia.

„Hier. Bitte sehr. Ich hoffe, er freut sich darüber.“

„Ich bin sicher. Sie haben immer so gute Ideen. Die Kinder haben sich bis jetzt jedes Mal darüber gefreut. Vielen Dank.“

„Ich bedanke mich für die Torte.“

„Lassen Sie sie sich schmecken.“

„Das werde ich bestimmt. Auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen. Arbeiten Sie schön weiter!“

Jochen dreht sich um und bemerkt in diesem Augenblick den Brief. Ein kleiner grüner Umschlag mit den aufgedruckten Worten:

AN DEN ERFINDER DER ANTIGRAVITATIONSPILLE

Damit kann nur er gemeint sein. Aber woher weiß jemand außer der Regierung von seiner Pille? Hastig reißt er das Papier auf und zieht eine Postkarte mit einem harmlosen Dorfmotiv heraus. Beim Überfliegen der Zeilen wird er zunächst blass, dann rot und schließlich ohnmächtig.

 

Als er eine Stunde später wieder erwacht liegt er noch immer an der selben Stelle, an der er zu Boden gestürzt ist. Mit der einen Hand umklammert er fest die Postkarte.

Hallo Jochen,

wir wißen, dass Sie die Pile haben. Wir verden sie uns hohlen. Ferstecken hat keinen Sinn. Sollten Sie die Bolizei anrufen, werden wir Sie töten.

BdV

Eine plumpe Handschrift und einen fürchterliche Rechtschreibung lassen auf nicht gerade intelligente Verbrecher schließen. Dennoch hat Jochen Angst. Er rappelt sich auf und sucht sein Telefon. Leider hat es die dumme Angewohnheit, immer dann zu verschwinden, wenn man es braucht. So auch heute. Als er nach zehnminütiger Suche endlich gefunden hat was er sucht, zögert er nur eine Sekunde, wählt dann aber die 110.

„Polizeidienststelle Außenau. Was kann ich für Sie tun?“

„Ich habe einen Drohbrief erhalten.“

„Darf ich erst einmal um ihren Namen bitten?“

„Jochen, der Erfinder.“

„Und ihr Nachname?“

„Sie wissen doch wer ich bin. Ich habe einen Drohbrief erhalten und riskiere mit diesem Anruf gerade mein Leben.“

„Ein Anruf bei uns rettet höchstens Leben, er riskiert sie nicht.“

„Könnten Sie Ihre dummen Sprüche bitte sein lassen und mir helfen? Ich werde bedroht, getötet zu werden und man kündigt mir einen Diebstahl an.“

„Einen Diebstahl? Was soll denn entwendet werden? Ihre Phantasie?“ Anscheinend findet der Polizist den Witz komisch und lacht schallend ins Telefon. Jochen ist verärgert. Die Polizei dein Freund und Helfer. Hah! Nichts als scheiß Bürokraten ohne Ahnung sind die! Aber er wird sich nicht klein kriegen lassen. Nicht von ihnen.

„Hören Sie, wenn Sie vielleicht endlich fertig sind mit ihrem blöden Gelächter...“

„Beleidigen Sie mich nicht! Was sollen wir Ihrer Meinung nach für Sie tun? Einen Rundum Polizeischutz für Sie zur Verfügung stellen? Nur weil Sie auf einen kleinen Scherz hereingefallen sind?

„Das ist bestimmt kein Scherz. Die Karte ist mit BdV oder so was unterzeichnet.“

Für eine Sekunde bleibt es still am anderen Ende der Leitung, dann redet der Polizist plötzlich ganz hastig.

„Sie haben Recht. Ich weiß zwar nicht, was das „Bündnis der Verbrecher“ mit Ihnen zu tun hat, aber sobald Sie mir die Karte gezeigt haben und wir sicher gehen können, dass sie wirkliche existiert, werden Sie Ihren Polizeischutz bekommen.“

„Ich halte die Karte hier  in meiner Hand!“

„Warten Sie fünf Minuten, dann bin ich bei Ihnen um mich davon zu überzeugen. Schließen Sie solange alle Türen und Fenster zu. Ich werde mich mit dem Passwort „Kuchen“ bei Ihnen melden. Bis dann!“

Jochen lässt den Hörer sinken. Dass es so ernst sein würde, hatte er jedenfalls nicht gedacht. Türen und Fenster verriegeln. Er tut, was ihm geheißen wurde und schaut sich dann besorgt in seiner Werkstatt, die zugleich sein Büro und sein Labor ist, um. Die Antigravitationspille bewahrt er in einem Behälter aus unzerstörbarem Material auf, das nur durch seinen Fingerabdruck geöffnet werden kann und auf den er als zusätzliche Tarnung „Haarwuchspillen“ geschrieben hatte. Er öffnet ihn und steckte sich einige Pillen in die Hosentasche zu den anderen Dingen, die sich dort bereits befinden. Als Erfinder hat er stets alle nötigen Dinge dabei, um seine Ideen schnellstmöglichst umzusetzen, oder wenigstens aufzuschreiben. Er schaut auf die Zeitanzeige an der Wand. Es sind bereits sechs Minuten vergangen, seit er angerufen hat. Wo bleibt die Polizei denn nur? Wenn das BdV bereits sein Telefon abhört – aber warum sollten sie? Die Trompete lässt ihn zusammenzucken. Schnell schließt er den Behälter mit den Pillen und lässt sich zur Tür fahren. Diesmal öffnet sie sich nicht automatisch, sondern Jochen tritt an ein Mikrophon und verlangt zu wissen, wer vor der Tür stehe.

„Hallo Jochen. Ich bringe Ihnen noch etwas Kuchen.“

Kuchen. Das war das Stichwort. Er öffnet erleichtert die Tür. Nun würde alles gut werden. Doch noch ehe er sehen kann, wer vor ihm steht, bekommt er einen Sack übergestülpt und es wird dunkel um ihn. Zwei professionelle Schläge auf den Hinterkopf schicken ihn zum zweiten Mal an diesem Tag ins Reich der Träume. Das letzte was er hört ist:

„Ist er das?“

„Ich glaube schon. An seiner Tür stand JOCHEN – UNIVERSALERFINDER.“

 

Jochen schlägt die Augen auf. Immer noch ist es dunkel um ihn und er kann kaum die Hand vor Augen sehen. Er ist nicht gefesselt, nicht geknebelt und befindet sich, so vermutet er, in einem kleinen Raum ohne Fenster. Vorsichtig steht er auf und tappt unsicher herum. Seine Beine sind ganz weich und sein Kopf dröhnt fürchterlich.

„Nun werde ich also sterben. Wie sie angekündigt haben. Wie um alles in der Welt haben sie das Kennwort herausgefunden? Und warum.... oh mein Kopf.... Was denke ich da? Sterben? So ein Unsinn. Ich werde nicht sterben. Welches Kennwort? Ich wollte doch nur Kuchen. Oh man, ich glaube, ich bin ziemlich durcheinander. Mein Hals ist furchtbar trocken. Ich brauche was zum Trinken. Vielleicht rufe ich einfach mal?“ Jochen nimmt all seine Kraft zusammen und ruft: „He, kann mich jemand hören? Ich verdurste!“ aber keiner kommt. Mutlos lässt er sich auf den Boden sinken. Langsam kann er seine Hände sehen, der Raum wird heller. Schließlich haben sich seine Augen ganz an die Dunkelheit gewöhnt. Nun nimmt er einen kleinen Lichtschimmer am Boden wahr. Dort muss eine Tür sein! Er krabbelt zu ihr und schlägt dagegen. Nichts. Er schlägt erneut dagegen. Dann trommelt er mit aller Gewalt gegen das Eisen, bis dieses von seiner Behandlung ganz warm geworden ist. Ermattet gibt Jochen auf. „Kann ich denn nichts tun? Muss ich hier verdursten? Ich soll also doch sterben! Sie wollen mich verdursten lassen. Aber sie wollen doch die Pillen von mir. Wissen die, dass sie die nie ohne mich bekommen werden? Ohne meinen Fingerabdruck....oh nein!! Sie kommen auch an die Box wenn ich tot bin. Meine Finger sind auch tot noch die selben. Aber wozu bin ich Erfinder? Mir muss doch was einfallen! Not macht erfinderisch. Auch einen Erfinder?“ er denkt noch eine ganze Weile nach, aber außer einem Luftdrucksenker, einem Tausendjährigen Kalender und einem 3-D-Drucker fällt ihm nichts ein. Und diese Dinge werden ihn nicht retten können.

Plötzlich hört er Schritte hinter der Tür. Sie kommen zu ihm. Schnell krabbelt er von der Tür weg und setzt sich in eine Ecke. Ein Schlüssel dreht sich im Schloss und die Tür schwingt auf. Geblendet von dem hellen Licht, kneift Jochen die Augen zusammen, um sie kurz darauf vor Schreck wieder zu weiten. Zwei Männer mit langen Messern stehen vor ihm und ein dritter mit zwei Schüsseln.

„Wasser!“ stöhnt Jochen.

„Hier hast du was zu trinken!“ der dritte Mann stellt ihm eine der beiden Schüsseln hin und Jochen trinkt gierig die nach Zitrone schmeckende Flüssigkeit.

„Wo sind die Pillen?“

„Was zahlt ihr mir dafür?“

„Du darfst dein Leben behalten!“

„Oh, wie überaus großzügig, aber die Pillen sind weit mehr wert!“

„Mehr als dein Leben?“

„Viel mehr. Die Regierung wird mir 50 Millionen Euro dafür zahlen.“

„Und was nützen die dir wenn du tot bist?“

„Mit mir stirbt auch die Formel für die Pillen.“

„Wieso? Hast du sie nirgends aufgeschrieben?“

„Doch, natürlich. Bringt mich um und ihr werdet es nie erfahren! Ich hätte gerne etwas zu essen!“

„Hier!“ die zweite Schüssel wird ihm gereicht und es schmeckt ganz annehmbar nach Bratkartoffeln.

„Ihr habt einen guten Koch!“

Wortlos drehen sich die drei Männer um und gehen hinaus. Die Tür wird zweimal abgeschlossen und Jochen sitzt wieder in der Finsternis. Nun kann er wieder klar denken. Die Postkarte, die Drohung, der Anruf bei der Polizei und das Kennwort. Aber was hat er dazwischen gemacht? Die Pillen! Er hat einige davon eingesteckt. Ob er sie wohl irgendwie nutzen kam um zu entkommen? Er kramt mit beiden Händen in seinen Hosentaschen. Antigravitationspillen, Zaubertinte, ein Rest Unsichtbarkeitsfarbe, ein Taschenmesser, Papier, ein Bleistift, ein Stück Schnur, Kaugummis, eine kleine Batterie und Draht fördert er ins Freie. Damit muss sich doch etwas anfangen lassen! Wozu ist er sonst Erfinder?

 

Zwei Stunden später nähern sich erneut Schritte und als sie vor der Tür anhalten atmet Jochen noch einmal tief durch. Er spuckt die Kaugummis aus und in dem Moment, als die Männer zur Tür hereinkommen drückt er sie ihnen auf die Augen. Die Batterie schließt er an ihre Messer an versetzt ihnen damit einen leichten Elektroschock, der die Männer für Kurze Zeit verwirrt.  Diesen Augenblick nutzt Jochen, sprintet auf den Gang, und rennt davon. Da er nicht weiß, wo er sich befindet läuft er aus Geradwohl los. Immer den Gang entlang. Hinter sich hört er die Männer schnaufen. Schnell zieht er sich seine mit Unsichtbarkeitsfarbe angemalte Laborschürze an, schluckt eine Pille und schwebt zur Decke. Die Männer laufen unter ihm durch und er braucht ihnen nur zu folgen. Er kommt zu einer Halle mit einer großen Treppe, fliegt die Treppen hinauf und bemerkt plötzlich, dass der dritte Mann noch gar nicht erschienen ist. „Hoffentlich steht er nicht oben auf der Treppe! Ich muss bis unters Dach steigen, denn schließlich bin ich nur von unten unsichtbar.“ Doch da ist es schon zu spät. Ein weiterer Mann erscheint oben auf der Treppe und sieht Jochens Rücken in der Luft schweben. Jochen hat inzwischen den Ausgang gesehen und steuert geradewegs darauf zu.

„Halt, anhalten oder ich schieße!“ kommt es von der Treppe. Die zwei Männer am Boden schauen verdutzt zu ihrem dritten und halten ihn für verrückt, schauen sich dann aber in der Halle um und bemerken, dass sie Jochen verloren haben. Der schmeißt in genau diesem Augenblick, das Glas mit der Zaubertinte auf den dritten Mann, dieser leuchtet feuerrot auf, strahlt in einem hellen Gelb und schließlich züngeln Flammen an ihm empor. Das Duo beginnt zu schreien. Aber der dritte beruhigt sie: „Ich bin okay, das ist bloß ein Trick! Fangt lieber den Erfinder!“ Doch Jochen ist schon zur Tür draußen.

 

Erschöpft von dem langen Weg kommt er endlich bei seinem Labor an. Das „Haarwuchsmittel“ steht noch immer auf seinem Platz. Im nebenan gelegenen Wohnzimmer sind drei Polizisten eifrig damit bemüht, alles genau zu untersuchen. Sie machen keinen sehr intelligenten Eindruck auf Jochen.

„Würden die Herren jetzt, nachdem ich wieder hier bin, bitte mein Haus verlassen? Ihre Suche war erfolglos.“

Die Polizisten drehen sich alle zugleich um und werden blass.

„Ja, natürlich.“

„Wir sind quasi schon draußen.“

„Wir waren nie hier.“ Stottern sie und sind verschwunden. Jochen greift zum Telefon.

„Polizeidienststelle Außenau. Was kann ich für Sie tun?“

„Hallo, Sie Pfeife! Ihre Männer sind jetzt auf dem Weg zu Ihnen, nachdem sie mich in meinem Haus nicht gefunden haben. Ich wollte mich nur für Ihren Schutz bedanken! Wenn Sie die Täter, die mich entführt haben noch fassen wollen, sollten Sie sich die Postkarte, die Ihre Männer mit sich haben, genauer anschauen. Auf Wiederhören!“

Und damit legt er auf. Gleich morgen wird er die Formel aus ihrem Versteck im Hause seiner Schwester holen und der Regierung zukommen lassen. Und er hat sich fest vorgenommen, drei Viertel der 50 Millionen in Polizeischulen zu investieren, sich mit dem Rest ein neues, sicheres Labor zu bauen und wenn dann noch etwas übrig ist, wird er vielleicht noch einmal studieren, sich einen sichereren Beruf suchen. Sein Traum wäre Legotechnikdesigner.

Copyright by Christine