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Mirjams Auftrag

 

Es ist 10.10 Uhr. Im Klassenzimmer der 9N ist es totenstill. Nur vereinzelt raschelt ein Blatt Papier, ein Füller kratzt oder jemand schnäuzt sich. 23 rauchende Köpfe sind eifrig über ihre Englischschulaufgabe gebeugt. Die einzige Person die nicht über „if-clauses“ nachdenken muss ist Mirjam, die Lehrerin der Klasse. Sie ist mit ihren Gedanken schon beim Wochenende, das sie mit ihrem Freund Daniel in einem nahegelegenen Skihotel verbringen will. Die Beine überkreuzt sitzt sie auf dem Pult und betrachtet ihre Schüler. Sie haben noch 20 Minuten Zeit, bis sie die Ergebnisse abgeben müssen. Mirjam hat sich viel Mühe gemacht, die Aufgaben nicht zu schwer zu machen und sie hofft, dass dieses Mal der Durchschnitt besser sein würde. Plötzlich nimmt sie ein leises Piepsen ihrer Armbanduhr wahr. „Oh nein, bitte nicht jetzt!“ denkt sie und drückt den Verstellknopf, der das Datum ändert. Die normale Anzeige verschwindet und es erscheint eine Reihe Zahlen: 2296443!!. Äußerst beunruhigt studiert sie deren Reihenfolge und dreht anschließend an dem Verstellrad der Zeiger, bis die Zahlen: 3446921! die vorherige Reihe abgelöst haben. Noch 17 Minuten. „Schreibt schneller! Ich muss fort!“ Doch als Lehrer hat man seine Pflichten, und auch wenn sie eine Sondergenehmigung des Direktorats zur „Zeitweiligen unentschuldigten Entfernung vom Unterricht“ besitzt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als mindestens bis zum nächsten Gong zu warten. So war es vereinbart.

 

Lautlos gleitet sie aus dem Fenster der Toilette im zweiten Stock. Ihre Haut ist der Umgebung angepasst, so dass sie quasi unsichtbar war. In den Händen hat sie ihr Steuergerät, das in dieser Höhe von unten nicht zu hören ist. Sie ist also sicher. Auf ihrer Armbanduhr zeigt ein Pfeil in genau die entgegengesetzte Richtung, als die, die sie einschlägt. „Nur noch ein paar Minuten...“ Und mit diesem Gedanken kommt sie bei ihrem Haus an, landet auf dem Dach und lässt sich durch den Kamin ins Schlafzimmer gleiten. Dort greift sie nach einem Rucksack, nimmt im Lauf noch einen Apfel und verschwindet innerhalb einer halben Minute wieder nach draußen. Diesmal durch die Tür. Nun hat sie genau 45 Minuten Zeit, ihren Auftrag zu erledigen. Nach einem erneuten Blick auf ihre Uhr startet sie los, diesmal in die Richtung, die der Pfeil ihr anzeigt. Nach etwa 3 Minuten stoppt sie über einer alten Bar. Sie drückt den Scannerknopf und es erscheint der Umriss eines Mannes, der am Tresen steht. Sie reduziert ihre Höhe und kommt schließlich mit beiden Beinen auf dem Boden auf. Augenblicklich nimmt ihre Haut die normale Farbe eines Menschen an. Ihr Steuergerät verstaut sie im Rucksack und betritt dann die Bar.

„Hallo Sohle!“

„Hi Miri! Gut, dass du gekommen bist. Warum hast du so lange gebraucht?“

„Ich habe eine Schulaufgabe geschrieben und du weißt außerdem, dass ich nicht mitten in der Stunde weg kann. Was gibt’s denn, dass du mich hierher kommen lässt?“

„Tja, es handelt sich um einen dringenden Notfall. In einer Disko.“

„Welche Disko hat um die Uhrzeit denn schon offen?“

„ ‚Daydancers’’, die Disko, die für die Nachtschicht arbeitende Bevölkerung gedacht ist.“

„Die ‚Daydancers’’ kenne ich. Schlechte Musik, verwässerte Drinks. Und was gibt’s dort?“

„Eine Geldübergabe. Heute um 10.55 Uhr. Du musst dir das Geld schnappen, es sind in Indien gewaschene Euros für die russischen Waffenhändler. Aber du musst inkognito bleiben!“

„Jetzt verstehe ich, wieso du gerade mich angepiepst hast. André ist kein Tänzer und Jackomo kann nicht singen.“

„Stimmt genau. Bist du bereit?“

„Wie sehen die Typen aus?“

„Groß, bullig mit blonden Haaren und Lederklamotten.“

„Gibt es dort eine Toilette?“

„Ja, im hinteren Teil. Nach dem Eingang gleich links, und dann am Ende des Gangs.“

„Irgendwas besonderes?“

„Nein, nichts.“

„Sehr schön, dann bis dann, Sohle!“

„Viel Erfolg!“

Aber Mirjam ist schon zur Tür draußen, packt ihr Steuergerät und fliegt davon. Die Disko „Daydancers’“ liegt in einer Gegend, die man nicht freiwillig betritt, die man auch nicht freiwillig überfliegt, aber das macht Mirjam nichts aus. Dort hat sie Daniel kennen gelernt, ihre Liebe fürs Leben. Daniel arbeitet als Page im gegenüberliegenden Hotel „Mirros“. Da er aber nicht genug verdient, um für sie beide zu sorgen, hat Mirjam ihren gelernten Beruf Lehrerin wieder aufgenommen. Und es hat sich herausgestellt, dass es kein Problem ist, Lehrerin und gleichzeitig Retterin der Stadt zu sein.

Ihre Uhr piepst sie an. Noch 7 Minuten bis zur Geldübergabe. Sie muss sich beeilen. Zwei Querstraßen weit von der Disko entfernt geht sie auf die Straße runter und ihre Haut mutiert zu einem hübschen blassrosa. Aus ihrem Rucksack zieht sie ein Ganzkörperkostüm, das auch ihr Gesicht bedeckt. Schnell zieht sie es über und wird somit zur Tänzerin „Tamara“. Ideal getarnt marschiert sie locker auf das Gebäude der Disko zu, ein bekanntes Lied summend. Die Türsteher stoppen sie und verlangen ihren Ausweis.

„Oh nein, den habe ich in der Aufregung doch glatt vergessen!“

„Ohne Ausweis kommt hier keiner rein!“

„Ach bitte! Ich bin Tamara, die neue Tänzerin und Sängerin. Ich soll heute Nachmittag auftreten und möchte jetzt schon einmal üben. Es sind doch kaum Leute da, oder?“

„Tamara? Nie gehört.“

„Das kann gut sein. Ich bin als Überraschung geplant. Vom Chef persönlich.“

„Und für wen?“

„Ja wisst ihr das denn nicht? Heute kommt der Präsident der Kohlevereinigung, um zu sehen, wo sich seine Mitarbeiter nach der Arbeit amüsieren.“

„Präsident der Kohlevereinigung? Davon weiß ich nichts.“

„Ja natürlich nicht, es ist ja einen Überraschung!“

„Aber wieso wissen wir als Türsteher nichts davon?“

„Vielleicht würdet ihr ihn zu zuvorkommend behandeln, und alle würden sofort merken, dass da was im Busch ist.“

„Ja, aber das würden wir doch nie tun!“

„Darf ich jetzt bitte durch?“

„Ach so, ja natürlich!“

„Danke, sehr freundlich!“

3 Minuten hat dieses Überzeugungsmanöver in Anspruch genommen. Bleiben ihr nur noch weitere 3 Minuten bis zur Geldübergabe. Die Disko ist überschaubar klein und sie ortet ihre Zielsubjekte sofort. Drei Männer in braunen Lederjacken lehnen an der Theke und stoßen gerade an, als Mirjam sich zu ihnen gesellt.

„Na Jungs, schon getanzt?“

„Nein.“ Brummelt der Größte von ihnen.

„Seid ihr denn nicht zum Tanzen da?“

„Doch, natürlich. Wozu ist denn so eine Disko sonst gut?“

„Hat jemand Lust mit mir zu tanzen?“

„Nein, keiner!“ diese Antwort kommt von einem Kantengesicht, der anscheinend der Boss dieser Gesellschaft ist. Der dritte Mann schaut ihn böse an. Er hätte wohl gern mit Mirjam getanzt.

„Verschwinde!“ wird sie angegrunzt.

„Wieso, ist das eure Disko?“

Noch eine Minute.

„Hey Jungs, nun seid mal nicht so launisch! Was macht ihr denn so?“

„Neugierig, was?“

„Ja, unheimlich! Seid ihr auch bei der Mafia, oder gehört ihr nur dem russischen Geheimdienst alleine an?“

„Was faselt die da für eine Scheiße?“ Diese Worte sind nicht an Mirjam gerichtet, sondern für das Kantengesicht bestimmt.

Mirjams Uhr zeigt nun genau 10.55 Uhr an. Die drei Männer erheben sich.

„He, ihr wollt doch nicht schon gehen? Keiner hat mit mir getanzt, dabei bin ich die Attraktion schlechthin, vom Bodensee bis nach Flensburg kennt mich jeder.“

„Ich sag’s noch einmal: Verschwinde!“

„Ziemlich zwielichtige Gegend hier, hm?“

„Hau ab!“

„Ihr gefallt mir! Kann ich mit euch kommen?“

Einer der drei ist kurz davor durchzudrehen und sich auf Mirjam zu stürzen, aber Kantengesicht hält ihn davon ab.

„Tom, nicht!“

„Na dann nicht!“ Mirjams Schmollen würde sogar eine Leberwurst neidisch machen. Sie dreht sich um und verschwindet in Richtung Toilette. Die Männer steuern auf den Hinterausgang zu. Als sie hinter einer Tür verschwunden sind, tritt Mirjam aus einer dunklen Nische hervor und folgt ihnen. Vor der Tür bleibt sie stehen. In ihrer Hand hält sie ein Peillasso, ihre neuste Errungenschaft, die sie soeben aus ihrem Rucksack gezaubert hatte. Das Peillasso war so eingestellt, dass es jeden Gegenstand zuerst röntgt und sich anschließend auf den Behälter mit dem Geld stürzt. Mirjam würde also gar nicht erst vor den Männern erscheinen müssen, sondern das erledigt alles ihr Lasso. Vorsichtig öffnet sie die Tür einen Spalt breit und sieht zwei Lederjacken. Noch ein Zentimeter und zwei weitere werden sichtbar. Sie stehen im Kreis um einen kleinen Tisch, auf dem ein Koffer liegt. Zwischen den Beinen der Männer hindurch kann Mirjam erkennen, dass es sich um einen gelben Reisekoffer handelt. „Sehr unauffällig!“ denkt sie und muss dabei grinsen. „Mit diesem Koffer werden sie nie durch die Flughafenkontrolle kommen.“ Als sie letztes Jahr mit Daniel nach Paris flog und dabei einen rosa Koffer hatte, wurde sie prompt angehalten und musste sich und ihr Gepäck untersuchen lassen. Und dieses Gelb ist noch auffälliger! „Ich werde sie überraschen, viel Krach machen, mir den Koffer schnappen und dann wieder verschwinden.“ Denkt sie. Sie sammelt noch einmal ihre gesamte Kraft, dann stößt sie die Tür auf und stößt einen markerschütternden Schrei aus. Ihr Lasso schwingt sich auf den Tisch und fesselt den Koffer. Sie zieht es ein, klemmt den Koffer unter ihren Arm und springt aus dem Zimmer. Die Männer sind zu verwirrt, um sofort zu handeln. Einer wurde von dem fliegenden Koffer getroffen und blutet an der Schläfe. Mirjam rennt zur Toilette, stopft dort den Koffer in ihren Rucksack und verlässt ganz ruhig die Disco. Kaum ist sie aus der Tür hört sie laute Rufe aus dem Inneren und die Türsteher drehen sich nach ihr um. Wie der Wind ist Mirjam verschwunden und hinterlässt zwei verdutzte Wachen. Hinter der nächsten Ecke entledigt sie sich ihres Kostüms und wird wieder zu Mirjam. Tamara stopft sie in ihren Rucksack. Sie schnappt sich ihr Steuergerät und schwingt sich hinauf, über die Stadt. Trotz des zusätzlichen Gewichts des Koffers schafft sie die Strecke zu Sohle innerhalb von kürzester Zeit. Dort liefert sie das Geld ab und macht sie dann auf den Rückweg zur Schule. Pünktlich um 11.30 Uhr beginnt sie in der 6. Klasse mit dem Englischunterricht. Ihre Gedanken wandern zu Daniel und dem Wochenende, das sie im Skihotel verbringen wollen. Sie freut sich schon darauf.

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