Das Leben

 

 

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Die Katastrophe ereignete sich an meinem Geburtstag. Sie kam nicht ganz unerwartet. Nicht ganz. Genaugenommen wurde sie schon seit etwa 274 Tagen erwartet. Aber nicht von mir! Ziemlich lange, nicht? Ich wollte, sie wäre nie passiert. Mein ganzes Leben wurde an diesem Tag umgekrempelt. Umgekrempelt wie eine Hose die zu lang ist, wie ein Ärmel der herumschlabbert und einen stört. Nur dass das Umkrempeln für mich nicht so einen positiven Effekt mit sich brachte. Wenn man eine Hose hochkrempelt weil sie einen stört, dann stört sie einen danach nicht mehr. Wenn an meinem Geburtstag mein ganzes Leben umgekrempelt wird, dann stört mich mein neues Leben schon. Naja, ist ja auch egal. Ich musste mich damit abfinden. Und ich fand es anfangs schrecklich. Nicht auszuhalten, anmaßend, ungeheuerlich, dreckig hell und laut. Es war unglaublich, erschreckend, trocken und kalt. Ich wurde herausgerissen aus meinem behüteten Leben, aus der warmen Atmosphäre in der ich bis jetzt geborgen war. Plötzlich war ich nicht mehr allein mit mir und meiner Mutter, sondern da waren noch andere. Ein Mann, der behauptete mein Vater zu sein, was immer das auch sein mag. Ein kleiner Mann, wo immer der auch herkam, er war anscheinend mein Bruder. Mein Vater hatte ihn mitgebracht. Jedenfalls behauptete er, mein Bruder zu sein. Er sah mir jedoch gar nicht ähnlich. Er hatte wie mein Vater ganz viele Haare auf dem Kopf. Sie sahen sich ähnlich. Ich hatte eine Glatze. Fast jedenfalls. Und sie waren rosa und ich rot. Was war passiert, das mir meine kuschelige, faule Welt zerstörte? Ab diesem Tag an dem mein Bruder und mein Vater kamen musste ich alles selber tun. Nicht ganz selber, anfangs wurde mir noch geholfen.

Eines jedoch beruhigte mich. Ich sah nicht grundsätzlich anders aus als meine Verwandten, so musste man den großen und den kleinen Mann wohl nennen. Ja, ich  sah im Grunde sogar genauso aus wie sie. Ich entdeckte in ihrem Gesicht den gleichen kleinen Vorsprung. Bis sie kamen habe ich ihn nie gebraucht, aber seit dem Moment als sie auftauchten bewegte es sich und damit auch mein Bauch. Ob das was mit ihrer Anwesenheit zu tun hatte? Aber wenn sie mal nicht mit mir in einem Raum waren bewegte er sich auch, der Vorsprung. Mama sagte, das sei meine Nase und das haben alle Menschen. Seit Papa und Frank da waren redete sie irgendwie lauter. Ich konnte deutlich verstehen, was sie sagte. Meine Ohren waren eindeutig besser geworden. Und meine Augen auch. Ich musste blind gewesen sein, denn bis zu jenem denkwürdigen Tag war alles was ich sehen konnte schwarz. Vielleicht war Papa Arzt? Ja, Mama sagte so etwas. Augenarzt? Er hatte mich repariert. Ich sah Licht, Farben, Menschen. Papa und mein Bruder hatten ein Wunder vollbracht. Dafür bin ich ihnen bis heute dankbar. Und dank ihnen konnte ich meine Welt erkunden. Ich habe keine Ahnung, wo ich bis jetzt alles gewesen war, denn ich wurde immer getragen. Wahrscheinlich weil ich nichts sehen konnte. Ich traute der mir neu eröffneten Welt der Farben nicht ganz und versuchte, ob ich das, was ich in meinem bisherigen Leben gelernt hatte noch beherrschte. Ich war erleichtert, als ich merkte, dass mein Zeh noch bis zu meinem Gesicht kam und meine Arme und Beine sich bewegten. Die Beine zwar nicht immer ganz so, wie ich wollte, aber ich würde das schon noch in den Griff bekommen. Und noch etwas Erstaunliches hat sich an diesem Geburtstag ereignet. Ich hörte mich selbst. Es muss ein Reflex gewesen sein als Papa mich schlug. Ich war so sauer, dass ich ihn anschrie. Da lachte er und nahm mich auf den Arm. „Braves Mädchen. So ist’s gut.“ Ich wollte nicht auf den Arm genommen werden und strampelte. Ich wollte ihn treten, aber meine Beine gehorchten mir nicht. Ich schrie er solle mich runterlassen. Und als ich das schrie wurde mir bewusst, dass ich bis jetzt auch stumm gewesen sein musste. In diesem Moment der Erkenntnis dämmerte mir, wie schlecht es mir bis jetzt gegangen war. Schwerhörig, blind, stumm. Ich war behindert gewesen! Hatte meine Mama etwa Alkohol getrunken während der Schwangerschaft? Und mein Vater und mein Bruder hatten mich geheilt. Sie musste Götter sein. Ich verehrte sie. Als ich am Abend dieses Tages Mama fragte, ob sie Alkohol während der Schwangerschaft getrunken hatte, tätschelte sie mich und antwortete in einem beruhigenden Ton: „Was ist denn mein Mäuschen?“ Ich wiederholte die Frage. War sie etwa auch schwerhörig? Hatte ich es von ihr geerbt? Aber warum heilte Papa sie dann nicht? „Nun schrei doch nicht so. Ganz ruhig. Pscht, jaa, ist ja gut...“ Von wegen schwerhörig! Ich habe nicht geschrien! Ich habe sie lediglich gefragt, ob sie Alkohol während der Schwangerschaft getrunken hat. In einem ganz normalen Tonfall. Okay, ein bisschen laut war es schon, denn mit dem neuen Geschenk meiner Stimme konnte ich noch nicht so ganz umgehen. Nicht jeder kann gleich Rollschuhfahren wenn er sie geschenkt bekommt, oder? Aber Mama braucht mir doch nicht gleich sagen, dass ich schreie. Ich nahm mir ihre Rüge zu Herzen und versuchte es zu ändern. Aber jedesmal wenn ich etwas sagte, meinte sie: „Ruhig! Was schreist du denn so? Hast du Hunger?“ Ich hatte keinen Hunger, ich wollte wissen ob sie Alkohol getrunken hatte während der Schwangerschaft. Die Antwort auf diese Frage bekam ich erst drei Jahre später. Ich glaube dieses Thema war ihr peinlich. Jedesmal wenn ich es anschnitt beruhigte sie mich. Bald gab ich es auf. Ich würde später noch mal fragen. Aber ich kann es ja verstehen, wenn sie es mir nicht verraten wollte. Denn sie wusste genau wie ich, dass ich schwer behindert gewesen war. Blind, stumm und schwerhörig.

Mama und Papa hatten sich sehr gern. Als sie kamen fiel Papa Mama um den Hals und beglückwünschte sie. Eigentlich müsste Mama Papa beglückwünschen, dass er mich geheilt hat, aber sie hat nur Danke gesagt. Mit dem Auftauchen meiner restlichen Familie – frag mich nicht wo sie davor waren – änderte sich einiges für mich. Ich durfte nicht mehr bei meiner Mama schlafen, sondern bekam ein eigenes Bett in einem eigenen Zimmer. Wahrscheinlich musste mein Zimmer für meinen Bruder geräumt werden. Aber wenn ich Mama rief kam sie auch. Oder Papa. Der kam, auch wenn ich Mama rief. Vielleicht heißen sie beide gleich? Ich habe sie gefragt. Später, denn an diesem Dienstag hat mich das noch nicht interessiert. Aber als wir dann umgezogen sind und ich, wie gesagt, mein eigenes Zimmer bekam und aus diesem engen gläsernen Kasten heraus konnte, ich war inzwischen schon wieder gewachsen, und etwa vier Jahre später, als ich mich auch an Papa und Frank gewöhnt hatte und sie als vollwertige Familienmitglieder ansah, traute ich mich, sie nach ihren Namen zu fragen. Sie hießen unterschiedlich. Komisch, dass dann auch Papa kam wenn ich Mama rief. Naja. So kam es, dass ich älter wurde und dabei zusammen mit Mama, Papa und Frank einiges erlebte. Hatte ich doch bis jetzt immer geglaubt es gebe nur Mama, Papa und Frank, wurde ich bald eines besseren belehrt. Da waren zwar die Wesen an dem Tag da Papa und Frank kamen, aber die waren nicht wie wir. Die waren weiß. wir waren rosa. Also zählte ich sie nicht zu den, wie sagt Mama?, Menschen. Ich verdrängte sie einfach. Was hatten sie schon mit mir zu tun? Wahrscheinlich waren es Freunde von Papa, die ihn willkommen hießen. Vielleicht hatte Papa Außerirdische als Freunde?

Irgendwie fühlte ich mich seit Papas Anwesenheit unverstanden. Wollte ich spielen, bekam ich die Flasche, wollte ich die Flasche, bekam ich einen eklig nach Karotten schmeckenden Brei. Weil ich aber außer diesem nichts bekam würgte ich ihn runter und manchmal auch wieder hoch. Heute esse ich aus diesem Grund keine Karotten mehr. Mein Bruder war der einzige, der mich verstand. Vielleicht hatte er einen höheren IQ als die anderen, jedenfalls konnte ich mich mit ihm verständigen. Auch wenn er einen andere Sprache sprach als ich. Ich verstand ihn. Er sprach genauso wie Mama und Papa. Nur ich redete irgendwie anders. Vielleicht war ich ein Engländer? Oder ein Italiener? Und dann, ganz plötzlich hatte ich ihre Sprache gelernt. Ich war stolz wie Oskar und redetet ununterbrochen. Ein Sprachgenie war ich allerdings nicht, denn meine Grammatik war miserabel, aber je länger man in einem Land lebt, desto besser kann man bald die Landessprache. Ich überlegte, ob ich vielleicht ein Adoptivkind aus Osteuropa sei. Oder ein aufgesammeltes Zigeunerkind. Wegen der Sprache. Und ich fragte mich, warum ich nicht gleich ihre Sprache gelernt hatte, sondern zuerst irgendeine andere. Aber manche Eltern erziehen ihre Kinder ja zweisprachig. Als ich später einmal versucht habe, diese meine erste Sprache aufzuschreiben bin ich kläglich gescheitert. Es gibt sie in keinem Buch. Genau wie manche afrikanischen Buschsprachen. Bin ich aus Afrika?

Immer wieder fiel ich Papa um den Hals und dankte ihm, dass er mich geheilt hat. Er fragte jedesmal: „Was meinst du damit, Spatz?“ „Na, ich war schwerhörig, blind und stumm. Du hast mich geheilt!“ Er schüttelte immer wieder verständnislos den Kopf. „Kind du warst nie schwerhörig, blind und stumm.“ „Doch! Und du hast mich geheilt!“ So ging es oft stundenlang. Mein Papa war etwas schwer von Begriff. Wenn man eine so großartige Tat vollbracht hat vergisst man sie doch nicht. Oder er war zu bescheiden und wollte nicht angeben damit, weil ihn sonst Tausende von Briefen erreicht hätten, in denen Kinder ihn bitten sie zu heilen. Und dann wäre er nie daheim und könnte nie mit uns spielen. Und das wäre äußerst schade, denn mit Papa zu spielen war immer ein Erlebnis. Er hatte die besten Ideen. Zum Beispiel haben wir ein Spiel gespielt, bei dem es darum ging, das richtige Muster zu legen. Vier Kreise, und neben jeden zwei Striche. Ein Quadrat in die Mitte und einen Quader daneben. Auf jeden Kreis kam noch ein Dreieck. Mein Bruder war nicht so einfallsreich. Er spielte immer nur Auto mit mir oder Pferdchen. Mein Lieblingsspiel war mit klarem Vorsprung „Wüste“ und es wird immer in der Küche gespielt. Dabei muss man sich vorstellen man sei in der Wüste und es ist total heiß. Man schwitzt und braucht unbedingt ein kühlendes nasses Tuch. Ein Tuch hat man und das Wasser bekommt man, indem man Kreise damit abreibt. Das ist gefährlich, denn wenn man sie fallen lässt gehen sie kaputt und man hat weniger Wasser am Tuch. Wenn das Tuch ganz nass ist endet das Spiel und man hat die Wüste überlebt. Einmal wäre ich beinahe vertrocknet. Es gab keine Kreise mehr und das Tuch war nur feucht. Da erspähte ich einen Kasten mit Wasser und tauchte das Tuch hinein. Danach war es so nass wie noch nie. Papa lachte er das sah und meinte: „Aber Spatz, das Tuch ist doch schon nass genug!“ „Eben nicht! Ich vertrockne doch sonst!“ Ich glaube, er hat mich nicht verstanden. Schade, dabei hat er das Spiel erfunden.

Bis ich endlich so weit war, dass ich ihre Sprache vollkommen beherrschte, vergingen rund vier Jahre. In dieser Zeit haben sich ein paar nicht unwichtige Dinge ereignet. Nach etwa einem Jahr glücklichen Familienzusammenseins geriet ich in eine Wachstums- und Muskelaufbauphase. Ich merkte, wie ich täglich wuchs und immer größer wurde, was ja nur logisch ist, denn wenn man wächst wird man größer, egal wo. Nun ja, jedenfalls bekam ich ungeheuer viele Muskeln in meinen vier Auswüchsen meines Körpers. Besonders die unteren zwei Stangen, da wo die Zehen dran sind, wurde kräftig. Mit Hilfe der Kraft meiner oberen zwei Stangen, da wo meine Hände sind, gelang es mir eines Tages, mich zu dehnen und plötzlich konnte ich über das Gestell schauen, auf dem wir essen. Ich umklammerte bei diesem ersten Versuch mich zu strecken eines der vier Stützen des, Mama sagt dazu Tisches. Dieser plötzliche Wachstumsschub erschreckte mich so, dass ich sofort zu wanken begann und mit der Nase auf dem Teppich landete. Ich fasste sie an. Lebte sie noch? Ja, sie tat weiter ihre Dienst und blähte sich auf und ließ die Luft wieder raus. Ich konnte nicht glauben, dass ich geschrumpft war und so versuchte ich es erneut. Siehe da, ich war schon immer so groß. Na gut, wenn man sich vom Boden in eine Höhe von nun mehr 85cm erhebt kann es schon mal passieren, dass einem der Kreislauf versagt. Und das passierte auch mir. Mir wurde schwindelig und ich musste mich verkrampft festhalten, um nicht umzufallen. Nach etwa 10 Minuten kam Mama und stieß einen Schrei aus, als sie mich sah. Warum nur? Vielleicht weil ihr auch aufgefallen war, dass ich so gewaltig groß war und gerade dabei meine Beinchenmuskeln zu trainieren. Beinchen heißen sie, die unteren Stangen. Mama hat es aus Versehen verraten, als sie mich sah und rief: „Tinchen, du hast aber starke Beinchen. Nun wirst du auch endlich laufen lernen. Ja ja, wie man es sagt: Erst die Zähne, dann die Beine.“ Was Beine waren wusste ich nicht, aber laufen lernen, ja das wollte ich. Ich war sowieso immer begierig, etwas Neues zu lernen. Warum also nicht laufen? Was immer das auch war, ich wollte es lernen. Und ich bemühte mich wirklich. Allerdings wollte ich zuvor Mama fragen, wie man denn laufen lernt. Als ich jedoch meine Frage stellte, kam die gleiche Antwort wie immer: „Was hast du denn? Bekommst du schon wieder einen Zahn? Mach mal den Mund auf!“ Und dann machte sie mir immer den Mund auf, obwohl ich das gar nicht wollte. Und eines Tages dann wusste ich plötzlich, was laufen war. Ich bemühte mich mal wieder, meine Beinchen zu koordinieren, das heißt einen vor den anderen zu stellen um zu Mama zu kommen. Neuerdings kam sie nicht mehr zu mir, sondern sie rief immer: „Komm her, Tinchen!“ Und weil ich immer zu ihr wollte, sie war ja so lieb und außerdem meine Mama, versuchte ich das auch. Als ich es endlich geschafft hatte den komplizierten Vorgang von ein Beinchen vor, Gleichgewicht halten, anderes Beinchen vor, Gleichgewicht halten zu bewältigen und auf die Weise bis in Mamas Arme kam freute sie sich und meinte: „Du bist ein Wunder! Innerhalb von einer Woche hast du Laufen gelernt!“ So erfuhr ich, dass ich das, was ich beabsichtigt hatte zu lernen, bereits gelernt hatte und das, obwohl ich nicht wusste was es war. Ich musste, wie Mama sagte, ein Wunder sein. Mit dieser Überzeugung bewältigte ich auch andere Dinge.

Eines Morgens tat es mir in meinem Mund total weh. Ich fühlte mit meiner Zunge und spürte einen weißen Dorn im Zahnfleisch. Ich schrie nach Mama. Papa kam und ich erklärte ihm die Ursache meines Schmerzes. Er fühlte in meinem Mund und meinte nur: „Sieh mal an, du bekommst jetzt schon deinen fünften Zahn. Weiter so!“ Weiter so? Das tat weh! Und was bitte waren Zähne? Diese weißen Dornen in meinem Mund? Ich hatte schon ein paar, aber die waren plötzlich dagewesen, ohne Schmerz und Zacken. Wieso bitte kamen diese mit welchen? Vielleicht, weil ich ein Wunder bin? Tja, aber als Wunder hat man es auch nicht immer leicht. Denn die Zahnschmerzen wollten und wollten nicht aufhören. Irgendwann war dann mein ganzer Mund voller Dornen und ich durfte nicht mehr aus Mama trinken, sondern bekam die Milch aus der Luft mit einem Stöpsel dran. Diese Milch war komisch. Sie schmeckte nicht nur anders, sondern es muss auch Blockmilch gewesen sein, denn ich bekam sie immer Block. Allerdings war dieser nicht hart, sondern flüssig, verfloss aber trotzdem nicht. Ein weiteres Wunder. Der Stöpsel war das einzige, was an Mama erinnerte. Anfangs wollte ich mich nicht daran gewöhnen, aber was tut man nicht alles um nicht jedesmal wenn Durst hat hören zu müssen: „Tinchen, du bist jetzt aus dem Alter raus. Weißt du, wenn die Zähne kommen tust du mir weh wenn ich dich stille. Sei so lieb, nimm die Flasche. Schau, die hat auch einen Saugknopf wie ich.“ Das wusste ich ja alles. Von da an stillte mich die Flasche. In sie konnte ich meine Dornen hauen so viel ich wollte, sie schrie nicht. Sie war ja auch ein Lebewesen. Sie war eine Flasche. Obwohl es auch lebende Flaschen gibt. Spaß beiseite. Ich wusste nicht so genau, was mit den Dornen, Mama sagte immer Zähne, aber es waren Dornen, anzufangen war. Ich steckte meine Finger in den Mund und schloss ihn. Sobald meine Dornen fester in die Finger drückten, taten diese weh und ich öffnete den Mund und zog die Finger wieder heraus. Und jeden Abend bekam ich ein komisches Ding in den Mund. Wenn Mama damit auf den Dornen herumschrubbte, begannen diese zu schäumen und es schmeckte schrecklich nach Pfefferminz. Ich kann Pfefferminz nicht ausstehen. Einen einzigen Vorteil hatten meine Dornen: Ich bekam endlich etwas anderes zu essen. Wurde aber auch Zeit. Der ewige Brei mit dem gleichen Geschmack und nur Milch. Ein Wunder dass ich nicht krank war in meinem bisherigen Leben. Von nun an bekam ich morgens einen Teller mit etwas Süßem darauf. Es klebte herrlich, aber jedesmal wenn ich Mama damit Rastalocken machen wollte, klatschte sie mir auf die Finger. Wie ich es bei Frank gesehen hatte nahm auch ich die Finger und schleckte das Süße vom Teller. Doch damit war keiner einverstanden. Alle machten sie es so, nur ich durfte es nicht. Ich musste den Teller mit dem Süßen essen. Er krümelte fürchterlich und mit etwas Nachhilfe schaffte ich es, dass noch etwas mehr nicht in meinem Mund landete. Das Mittagessen reichte von Milch mit verschiedenen Geschmacksrichtungen, über gelbe weiche Knollen und Teiglappen bis zu kleinen weißen Körnern, die man prima in die Nase stecken konnte. Am Abend gab es wieder die essbaren Teller, jedoch mit einem rosa Lappen darauf, oder einem gelben. Da war es nicht so eine Sauerei, wenn ich den Lappen ohne Teller aß, denn die klebten nicht. Lappen sind ja bekanntlich sauber. Zwischendrin gab es mal was Süßes. Aber ich hatte das Gefühl, dass sich Mama und Papa nicht mehr so um mich kümmerten wie als Papa kam. Wahrscheinlich hatte er das Interesse an mir verloren. Essen gab es immer, wenn er da war. Nicht wenn ich Hunger hatte. Das bekam ich jedoch bald in den Griff und ich hatte Hunger wenn es Essen gab. Ich musste mich an viel Neues gewöhnen, was nicht so leicht ist für ein Kind von meinem Kaliber. Immerhin hatte ich damals schon eine ganze Zeit auf dieser Welt verbracht und wollte nicht unbedingt alles ändern. Muss man immer alles ändern? Es gibt Dinge, das ist es nicht so schlimm wenn sie sich ändern und es gibt solche, da sind es wahre Katastrophen. Siehe mein Geburtstag. Aber die schlimmste Veränderung stand mir ja noch bevor: Ich musste Mama und Papa und Frank verlassen. Nach drei Jahren schon. Ich war noch nicht selbstständig und schon musste ich sie verlassen. Mama behauptete zwar, nicht für immer, sondern nur für ein paar Stunden, aber ich glaubte ihr nicht. Ich wollte nicht weg. Und als ich hörte wo sie mich hinbringen wollte schrie und zappelte ich wie eine Wilde. Sie wollte mich abschieben! In ein Heim! Ich war entsetzt. Noch nie war Mama so herzlos gewesen. Aber auch Papa und Frank standen auf ihrer Seite und ich kam nicht gegen alle auf einmal an. Notgedrungen und mit viel Gezeter, inzwischen beherrschte ich ihre Sprache inklusive Kraftausdrücke, ging ich also eines Tages fort von Zuhause. Weg von meinen geliebten Menschen. Ich würde es schon überwinden werden, irgendwann würden sie aus meinem Gedächtnis gelöscht sein. Mama hielt mich an der Hand und wir gingen die Straße entlang. Nach etwa 10 Minuten stoppten wir vor einem Haus mit großen Fenstern, die bunt waren. Wenigstens war ich nicht allzu weit von Zuhause weg. Und ich hatte mir den Weg genau gemerkt. Ich konnte also entfliehen. Aber ich hatte Mama versprochen, einen halben Tag dort zu bleiben und ich wollte es halten. „So, da wären wir. Dein Kindergarten. Komm, wir gehen...“ Kindergarten? Wurden dort Kinder gezüchtet wie wir im Garten Rosen züchten? Vielleicht diente ich hier der Wissenschaft? Nun, dann wäre das natürlich eine ganz andere Sache. „Der Wissenschaft zu dienen ist eine der größten Ehren.“ sagte Papa stets. Davon motiviert und gestärkt zog ich Mama an der Hand. Und als wir das Gebäude betraten eröffnete sich mir zum zweiten Mal in meinem Leben eine neue Welt. Eine Welt voller Geräusche, die ich zuvor noch nie gehört hatte. Überall waren kleine bunte Gummibälle, die umhersprangen oder an Tischen saßen. Mir fiel nicht auf, dass ich auch einer war. Ich hatte nur Augen für die vielen Gummibälle. Noch nie hatte ich so viele auf einmal gesehen. In unserer Straße hatte es auch ein paar, aber das hier waren ja bestimmt hunderte. Sie machten mir angst und ich wollte hier keine Minute länger bleiben. Ich drückte Mamas Hand und sagte ihr, dass ich wieder gehen wollte. Aber sie schob mich mit den Worten: „Machs gut mein Schatz!“ in den Raum voller Bälle und da passierte es auch schon. Einer kam auf mich zu und rempelte mich an. „He!“ rief er. „He!“ rief ich. „Rempel mich nicht an!“ „Du hast mich angerempelt!“ Das war meine erste Begegnung mit einem Jungen. Er war so alt wie ich und nahm mich an der Hand und fragte: „Wie heißt du?“ Nun, was sollte ich darauf antworten? So eine Frage war mir noch nie untergekommen. Alle die etwas von mir wollten kannten mich. Keiner fragte mich wie ich heiße. „Was meinst du damit, wie ich heiße?“ traute ich mich zu fragen. „Hast du denn keinen Namen?“ „Namen? Was ist das?“ ich wusste wirklich nicht, worauf er hinauswollte. „Haha, die Neue weiß nicht einmal ihren Namen. Namenlos, namenlos!“ das kam von einem Tisch auf dem lauter bunte Stifte lagen. Nicht der Tisch sprach, sondern ein Mädchen, das an ihm saß und auf einem weißen Stück herummalte. Plötzlich riefen alle anderen Gummibälle, die gar keine mehr waren, sondern in einem Halbkreis um mich herumstanden: „Namenlos, Namenlos!“ So bekam ich meinen ersten Spitznamen. Ich schaute mich nach Mama um, doch die war schon weg. Stattdessen kam eine andere Frau herbei und rief wütend: „Seid ihr wohl still!“ und zu mir meinte sie: „Hast du wirklich keinen Namen?“ Etwas leiser antwortete ich: „Was ist ein Name?“ Der Junge von vorhin kam und sagte ganz lieb zu mir: „Mein Name ist Samuel. Wie sagt denn deine Mama wenn sie will, dass du kommst?“ Ich entsann mich, dass Mama immer „Komm doch mal her Tinchen!“ sagte und sagte ihm das auch. „Tinchen, sie heißt Tinchen!“ verkündete er triumphierend. Tja, ich hieß wohl wirklich Tinchen. Warum hatte Mama mir nicht gesagt, dass das mein Name war? Ich würde die schimpfen, sobald sie mich abholen würde. Die Bälle, die keine mehr waren verteilten sich wieder und Samuel zog mich zu dem Tisch mit den Stiften. „Was mache ich denn hier?“ fragte ich ihn. „Du kannst hier den ganzen Tag spielen!“ „Spielen? Den ganzen Tag? Aber Mama holt mich doch zum Mittagessen ab!“ „Du kannst spielen bis deine Mama kommt!“ Ach so. An diesem Tag begann für mich der Ernst des Lebens und ich fing an, manche Dinge anders zu sehen. Das kam vor allem daher, dass Samuel mir viel erklärte. Er war unheimlich schlau und wusste wirklich alles. Er erklärte mir auch, dass der Kindergarten kein Garten war obwohl er einen hatte. Dass darin keine Kinder gezüchtet wurden, sondern auf diese aufgepasst, damit die Eltern mal Ruhe haben. Und so sah ich ihn bald nicht mehr als Qual, sondern als Vergnügungsort, wo man mit Gleichaltrigen zusammensein konnte um zu spielen und zu lernen. Jeden Morgen wurde ich dort abgeliefert und bald durfte ich alleine laufen.

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