Die Frau am Baikalsee

 

 

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Die Frau am Baikalsee

Quietschend öffnete sich die alte Holztür. Die Angeln waren schon lange verrostet und es war nicht nötig, dass sie dafür ihr Öl verschwendete. Öl war rar. Genauso wie Holz. Feuerholz, Holz für Schüsseln und Schalen, Holz für Schuhe. Die Hütte war klein und sehr spärlich eingerichtet. Ein Bett, ein Tisch, ein Herd, zwei Stühle und ein Regal mit einem Topf, einem Bild mit Rahmen, etwas Geschirr, einer Bibel und einer alten Wodkaflasche, die jetzt mit Sand gefüllt war. Im Winter zog es durch die Ritzen und man musste Pappe an die Wände kleben um nicht zu erfrieren. Bei Sturm knarzte die ganze Hütte und ein Erdbeben würde sie vermutlich nicht überleben. Aber im Sommer war es in ihr schön kühl, denn das Dach war mit Grassoden bedeckt, die jegliche Hitze aufsaugen und außerdem durch den Tau der Nacht immer wieder befeuchtet werden, also nie austrocknen. Damit waren sie die ideale Isolierung.

Aus der Tür trat eine gebeugte Gestalt. Die alte Frau machte ein paar wackelige Schritte. Dabei stützte sie sich mit der rechten Hand auf einen knorrigen Stock, dessen Knauf in Form eines Wurzeltrolls geschnitzt war. Vom Haus zum See waren es nur ein paar Schritte. Aber das Gesicht der Frau war bereits voller Falten, ihren Beinen fehlte die Kraft und mit jedem Tag pumpte ihr Herz langsamer.

Heute schien die Sonne. Endlich einmal wieder! Ihre warmen Strahlen entlockten dem runzligen Gesicht der Frau ein Lächeln. Es sah aus als ob sie sagen wollte: „Na du kleiner Schelm, wo hast du dich denn so lange versteckt? Bist endlich mal wieder hervorgekrochen aus deinem Nest aus Wolken.“ Sie drehte ihr Gesicht der Sonne zu und ließ sich von ihr bescheinen. Dann machte sie einen weiteren Schritt und wackelte vorsichtig in Richtung des Wassers.

Jeden Tag ging sie zum See. Auch heute. Erst recht heute! Denn heute war ein besonderer Tag! Unter ihren Füßen fühlte sie das kurze, plattgestampfte Gras, das so typisch ist für die Ufer des Sees. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen. Sie war barfuß. Die Schuhe hatte sie heute im Haus gelassen. Es war nicht nötig, dass sie Schuhe anzog.

Auf dem Wasser glitzerten Hunderte kleiner Lichttropfen. Das dunkle Blau des Sees lag still da und seine unergründliche Tiefe verlieh ihm einen beinahe majestätischen Ausdruck. Vom Ufer bis zur Mitte des Sees ging das Blau von einem türkisblauen Ton über zu tiefstem Schwarz. Nicht einmal die Sonnenstrahlen konnten in diese Tiefe eindringen.

Die alte Frau näherte sich dem Ufer. Als sie es erreicht hatte hielt sie an und ließ ihren Blick über seine gesamte Oberfläche schweifen. Wasser bis an den Horizont. Nur schemenhaft konnte man an einer Seite Büsche erkennen. Aber die alte Frau konnte nicht einmal mehr die Büsche in ihrer Nähe erkennen. Sie war fast blind geworden im Laufe der Jahre.

Sie stützte sich auf ihren Stock und ging in die Hocke um sich dann auf die Knie fallen zu lassen. Dann legte sie den Stock

beiseite und formte ihre Hände zu einer Schale. Vorsichtig beugte sie sich über das klare Wasser und tauchte sie hinein. Das Wasser war kalt. Die Frau zog die Hände mit dem Wasser schnell aus dem See zurück und führte sie zum Mund. Das frische Nass erweckte ihre Sinne. Sie beugte sich noch weiter vor, so dass sie ihr eigenes Spiegelbild im Wasser sehen konnte. Sie konnte sich nicht mehr richtig erkennen, aber das war auch nicht nötig.

„Du willst die Flasche zurück, nicht wahr?“ sagte sie ins Wasser. „Ja, ja, ich weiß. Du willst sie wiederhaben! Und heute soll es so weit sein. Du bekommst, was du haben willst!“ Sie hielt einen Moment inne. „Weißt du, dass du damit all meine Erinnerungen bekommst? All die Gedanken an bessere Tage? Aber du warst ja schon immer so. Habsüchtig! Lange genug hast du mich jetzt genervt. Jeden Tag hast du mir vorgeworfen, nicht im Jetzt zu leben. Aber verstanden hast du mich nie! Du hast es nicht einmal versucht! Wenn ich versucht habe, dir etwas zu erklären, dann hast du mich bloß angestarrt und den Mund verzogen. Aber ich bin alt und ich will nicht in Unfrieden mit dir sterben. Also bekommst du, was du willst, du ungezogenes Mädchen!“ und sie schlug mit der Hand aufs Wasser, so dass ihr Spiegelbild verzerrt wurde.

Heute war der ideale Tag dafür.

Es war beinahe so warm wie damals auch. Damals, als sie die Erinnerungen in die Flasche gesteckt hatte. Als sie ihm geschworen hatte, ihn nie zu vergessen und den Sand auf immer und ewig zu behalten. Als Erinnerung. Und als dann alles vorbei gewesen war, hatte sie ihren Schwur gehalten und die Flasche behalten. Auch hierher hatte sie diese mitgenommen. Doch jetzt musste sie sie zurückgeben. Es wurde von ih

Die Frau griff nach ihrem Stock und richtete sich mühsam auf. Bald würde ihr Herz auch das nicht mehr mitmachen. Behutsam setzte sie einen Fuß vor den anderen und genoss das Geräusch, das dabei entstand.

Als sie an ihrer Hütte ankam lehnte sie sich erschöpft an den morschen Türrahmen und versuchte, ihren schnellen Atem zu beruhigen. Ihr wurde schwindelig und sie ließ sich auf den Boden hinabgleiten. Es ging langsam zu Ende mit ihr. Sie drehte den Kopf nach links und ihr Blick fiel auf die Flasche im Regal. Lange starrte sie diese an.

Plötzlich hörte sie ein Geräusch. Sie drehte den Kopf nach rechts und sah einen jungen, hübschen Mann am Ufer des Sees stehen und Steine ins Wasser werfen.

Ihr blieb das Herz stehen...

 

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