Auf- und Untergang

 

 

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Auf- und Untergang

Es herrscht nur einer 

In dem großen Büro im ersten Stock ist es angenehm kühl. Die Klimaanlage surrt leise vor sich ihn und so halten sich in diesem Raum konstante 20°C. Abgeschirmt von den 35°C, die außen herrschen, räkelt sich Luisa in ihrem schwarzen Ledersessel. Diese neueste Anschaffung ermöglicht es ihr, die Beine hochzulegen, wann immer sie will. Im Moment will sie und so stört es sie auch nicht, als Max, ihr Sekretär, zur Tür hereinstürmt ohne vorher anzuklopfen. Sie lässt die Beine ausgestreckt und dreht nur fragend den Kopf zu ihm um.

„Was gibt es Max, dass Sie ohne anzuklopfen hereinplatzen? Ist es sehr dringend?“

„Absolut! Die kleinen Völker in Südafrika machen schon wieder Probleme. Soeben ging die Meldung ein, dass sie das Überwachungssystem auszuschalten versucht haben.“

„Wie bitte? Das kann doch nicht sein! Was wollen sie denn?“

„Sie fordern ihre Freiheit zurück!“

„Ihre Freiheit? Sie sind unter meiner Hand so frei wie sonst nie. Was fehlt ihnen denn? Nichts! Sie haben alles, was sie brauchen. Ich habe sie vor dem Hungertod bewahrt und nun beschweren sie sich darüber! Ich habe ihre Bürgerkriege verhindert, ihnen medizinische Versorgung zukommen lassen, sie sind wirtschaftlich bald so stark wie Europa, und sie fordern ihre Freiheit zurück? Welche Freiheit? Die Armut, das Elend, den Tod? Sagen Sie ihnen das, Max!“

„Jawohl.“ Und damit ist er auch schon wieder verschwunden. Luisa dreht sich in Richtung ihres Panoramafensters und genießt für einen Augenblick den wunderbaren Ausblick über die Stadt. Ihre Stadt. Sie, Luisa Gerharter, hat es geschafft, sich eine eigene Stadt zu errichten. Vom Tellerwäscher zum Millionär und das in nur wenigen Jahren. Angefangen hatte alles im Alter von 15 Jahren. Jetzt ist sie 30 Jahre alt und sie kann mit Genugtuung auf die letzten 15 Jahre ihres Lebens zurückschauen.

 

Vier Mädchen sitzen in der Pause an der warmen Heizung einer kleinen Schule im Süden Bayerns. Luisa, eine freundliche große Brillenträgerin, Verena, eine kleine Energiekugel, Christine, der rundliche Ruhepool der Runde und Eva, die einfach dazugehört. Alle drei besuchen sie die 10. Klasse. In der Regel nutzen sie ihre Pausen um zu lernen, doch heute regt ein interessantes Thema zu einem Gespräch an.

„Na, Lulu, schon Pläne geschmiedet um die Weltherrschaft an dich zu reißen?“ Verena verzieht den Mund zu einem spitzen Lächeln.

„Nein.“ Erwidert Luisa ganz ruhig. „Ich brauch das nicht. Sie wird mir einfach so in den Schoß fallen.“

„He, aber wir teilen uns die Macht dann schon, oder?“ diese Frage kommt von Christine.

„Na ja, mal sehen.“

„Würdet ihr mich bitte auch mal mit einrechnen?“ Eva protestiert.

„Ich will auch was davon!“ Verena protestiert.

„Also, ich denke ich werde wohl doch allein herrschen!“

„Gut, dann errichten Eva, Veri und ich eine zweite Weltherrschaft.“

„Ha! Wenn euch das gelingt!“

„Wieso denn nicht?“

„Weil es nur eine Weltherrschaft geben kann!“

„Dann werden wir dich wohl nicht als Weltherrscherin zulassen dürfen!“

„Wie wollt ihr das denn anstellen? Ich habe die Macht über alle militärischen Einheiten und...“

„Ich dachte, du wolltest eine friedliche Weltherrschaft!“

„Ja, will ich auch, aber wenn es anders nicht geht.“

Trotz der hitzigen Worte ist die Stimmung gut. Alle wissen, dass es nur ein Spiel ist. Keiner wird je die Weltherrschaft bekommen. Schon die Großen der Geschichte sind gescheitert. Griechenland, Rom, Napoleon. Aber es macht den Vieren Spaß, immer wieder darüber zu phantasieren. Als schließlich der Gong zum Unterricht ruft, ist das Thema kein Thema mehr. Die bevorstehende Stegreifaufgabe ist im Moment wichtiger und in Gedanken geht jeder noch einmal den Stoff durch. Nur Luisa nicht. Für sie ist das alles kein Spiel. Ihr ist es bitterer Ernst. Sie hat vor, die Macht an sich zu reißen. Nicht militärisch, sondern psychologisch. Und dann wird sie sich zuerst die Schulen vorknöpfen, anschließend die Länder der dritten Welt und am Schluss mit Amerika abrechnen. Sie hat schon alles geplant. Noch drei Jahre in dieser Schule, dann ein Studium und anschließend die Herrschaft.

 

Und sie hat es geschafft. Nach einem vierjährigen Psychologiestudium in München und langen Jahren des Praktizierens konnte sie nach und nach alle davon überzeugen, dass es nur einen Herrscher auf dieser Erde geben könne. Sie. Zuerst Amerika, dann die EU, Asien und der Rest der Welt. Die Länder der Dritten Welt hatten mit Freuden ihrem Programm zugestimmt, das ihnen wirtschaftlichen Aufbau und innere Stabilität versprach. Sie hat alle ihre Versprechen gehalten und nun beschweren sich die Südafrikaner. Vielleicht hätte sie doch Christine an ihrer Macht beteiligen sollen. Zwei schlaue Köpfe sind besser als nur einer. Aber Christine war nicht aufzufinden. Ein zu schlauer Kopf, der sich ihrem weltweiten Überwachungssystem zu entziehen vermochte. Vielleicht ist sie auf dem Pluto oder Jupiter oder sonst wo in dieser Galaxie. Im Moment hat Luisa besseres zu tun, als nach ihr zu suchen. Sie drückt den Knopf, der zum Vorzimmer geht und ruft Max.

„Max, haben sie der Dritten Welt meine Antwort geschickt?“

„Ja, und sie sagen, sie wollen nicht diese Freiheit zurück, sondern die Freiheit des Denkens!“

„Aha, danke.“

Um alle Welt auf ihre Seite zu bringen, war es nötig gewesen, das Denken der Menschen zu manipulieren. Luisa hatte das Mittels ihrer überragenden Fähigkeit, andere zu beeinflussen geschafft. Jedoch waren bei manchen auch andere Wege nötig gewesen. So wurden an alle Weltbürger Pillen verteilt, die angeblich AIDS-verhindernd sind, gegen Krebs vorsorgen und das Immunsystem stärken. Ewige Gesundheit. Aber einige hatten das Zeug wohl nicht geschluckt und so ihren freien Willen behalten. Diese kleine Gruppe muss sich vermehrt haben und nun plant sie einen Aufstand gegen Luisa, Herrscherin der Welt und des Denkens. Dabei braucht sie eigentlich nichts zu fürchten, denn sie hat nichts getan, was irgendjemandem schaden könnte. Und das wäre nicht möglich gewesen, wären nicht alle dafür gewesen. Der Welt geht es so gut wie noch nie. Der Handel floriert und die Technik schreitet voran. Luisa hat den Ländern ihre eigenen Währungen überlassen, ihre eigene Sprache und auch die traditionellen Bräuche darf jedes Land behalten. Sie hat ihnen nichts aufgedrückt, was ihrer Meinung nach schädlich wäre. Warum beschweren sie sich nun? Vielleicht ist es wahr, dass man den freien Willen zu nichts zwingen kann. Die Freiheit unantastbar ist.

Plötzlich reißt sie das Telefon aus ihren Gedanken.

„Ja, wer ist es denn, Max?“

„Ein Stellvertreter der ‚Partei gegen Monopole’. Er klingt sehr nervös.“

„Stellen Sie ihn durch!“

„In Ordnung.“

„Hallo? Luisa? Ihre Stadt und Ihre Welt stinken zum Himmel. Wenn Sie die Menschen weiterhin manipulieren wird es diese Erde nicht mehr lange machen!“ die Stimme war rau und zitterte leicht.
“Was wollen Sie, Sie unverschämter Flegel?“

„Ich stehe mit meinen Truppen vor der Erde. Nur ein Schuss und alles ist dem Erdboden gleich gemacht.“

„Wollen Sie mich bedrohen?“

„Ich habe es bereits getan.“

„Was passt Ihnen nicht?“

„---„ und dann tutet es nur noch. Nachdenklich legt Luisa den Hörer auf. Sie bekommt nur selten Drohungen und eigentlich dachte sie immer, alles wäre in Ordnung. Aber das ist es wohl nicht. Was soll sie nun tun? Es ist keiner da, der ihr helfen könnte. Sie erinnert sich an die Worte ihrer Schulkameraden.

 

„Ich als Weltherrscher würde mich wählen lassen. Ein überzeugendes Programm und du bist der Liebling aller. Erst einmal in Deutschland, dann in der EU. Anschließend besorgst du dir die amerikanische Staatsbürgerschaft und kandidierst als Präsidentin. Du verhandelst mit Japan, China und Korea, nimmst Russland in die EU auf, versprichst der Dritten Welt Förderungen und schwups hast du es geschafft!“

„Nein, sie muss einfach alle überrumpeln. Sie zwingen.“

„Und wenn das nicht funktioniert?“

„Gewalt ist kein Mittel.“

„Vor allem muss es eine friedliche Herrschaft sein. Ohne Krieg, das wünschen sich doch immer alle. Dass die Kriege aufhören.“

„Werdet ihr für mich stimmen?“ es ist für Luisa eine sehr wichtige Frage und Christine antwortet prompt.

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ich die Weltherrschaft will. Nein, Quatsch! Weil ich eine Weltherrschaft scheiße finde.“

„Auch meine?“

„Auch deine!“

„Und du Veri?“

„Hm, ich weiß nicht. Aber ich glaube, Christine hat schon recht.“

„Eva?“

„Ich sag da jetzt nichts dazu.“

 

Es wäre vielleicht besser gewesen, sie hätte damals auf sie gehört, aber nun ist es zu spät. Ein Spinner bedroht offensichtlich ihr gesamtes Werk. Schnelles Handeln ist angesagt. Und dann klingelt erneut das Telefon.

„Wer ist es denn diesmal, Max?“

„Ich weiß es nicht. Ich habe ihren Namen nicht verstanden. Sie meinte nur, dass sie Sie kenne und sobald Sie ihre Stimme hören würden, wüssten Sie schon, wer es ist. Soll ich sie durchstellen?“

„Klingt sie irgendwie bedrohlich, nervös, ängstlich, überheblich, einschüchternd?“

„Nein, es ist eine nette, ruhige Stimme. Sehr sympathisch.“
“Dann stell sie durch!“

„Jawohl.“

Nervös tippt Luisa mit dem Finger auf ihrem Schreibtisch. Noch ein Drohanruf? Aber als sie eine freundliche Stimme aus dem Hörer hört, ist alle Angst augenblicklich verflogen.

„Hallo, Lulu?“

„Hallo, wer sind Sie, dass Sie meinen Spitznamen wissen?“

„Stimmt es, dass du gerade ziemliche Probleme hast? Hör zu, ich weiß vom dem Spinner, der dein Werk bedroht.“

Genau diese Worte hatte Luisa vorhin auch gedacht.

„Und wie meinen Sie, können Sie mir helfen?“

„Jetzt hör erst mal auf mit dem höflichen Sie. Ich bin’s, Christine. Und neben mir sitzen Eva und Verena.“

Luisa lässt den Hörer sinken. Völlig geplättet starrt sie die Wand gegenüber an. Diese drei, die sie überall hat suchen lassen rufen sie nun an und wollen mit ihre reden.

„Warum rufst du mich an?“

„Ich kann dir helfen.“

„Wie?“

„Es ist doch wahr, dass Südafrika Probleme macht, oder?“

„Woher weißt du das?“

„Es ist also wahr. Gib ihnen was sie wollen!“

„Ihre Freiheit des Denkens!“

„Ja, und ihre Freiheit des Seins, des Wollens, des Sonstwas. Steig herab von deinem Thron!“

„Du forderst mich also auf, meine Herrschaft an dich abzugeben!“

„Nein, das tue ich nicht. Gib sie jenen wieder, die sie einst hatten.“

Schnell legt Luisa den Hörer auf die Gabel. Das kann doch nicht wahr sein. Rufen sie ihre ehemaligen Schulkameradinnen an und raten ihr, aufzugeben. Sie blättert in einem Stapel Papier, der vor ihr auf dem Tisch liegt. Beschwerden, Klagen, Drohungen. Alles versammelt auf einem Haufen. Wütend wischt sie ihn vom Tisch und legt den Kopf auf die schwere Platte. Der Schein trügt. Es ist nicht alles gut. Keiner kann es schaffen, dass alles gut wird. Keiner. Auch sie nicht. Mit dieser ernüchternden Erkenntnis verlässt sie das Bürogebäude.

 

Ein Jahr später. Auf ihrem Weg ins Dorf sieht sie überall Wahlplakate hängen. Sie weiß schon, wen sie nicht wählen wird. Es gibt einen, der verspricht allen Ländern Wohlstand und Gesundheit. Und dass Russland in die EU darf. Und dann wird er mit China und Japan verhandeln und die Dritte Welt fördern. Sie kennt dieses Programm und weiß, dass es zu nicht Gutem führen wird. Als sie an der Kirche vorbeikommt, wird sie freundlich vom Pfarrer gegrüßt.

„Wissen Sie,“ spricht er Luisa an. „es ist ja nicht so, dass Sie nichts Gutes getan hätten. Der Dritten Welt geht es bedeutend besser. Sie ist, glaube ich, einer der bedeutendsten Handelspartner Europas geworden. Aber ich finde es beruhigend zu wissen, dass es nur einen gibt, der über uns alle herrscht. Gott nämlich.“

Luisa geht weiter und lächelt. Sie freut sich, dass die Menschen sie hier mit Respekt behandeln und sich nicht daran stoßen, dass sie einst über sie alle geherrscht hat. Und mit ihrem kleinen Friseursalon verdient sie genug um sich über Wasser zu halten. Die treusten Kunden bei ihr sind Eva und Verena. Christine schneidet sich ihre Haare immer selber, dafür schaut sie aber ab und zu bei Luisa zu Hause rein. Um Kinder zu hüten.

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