Abgrund Tief

 

 

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Abgrund Tief

Um sie herum war es dunkel. So tief sie auch den dunklen Schleier zu durchdringen versuchte – nichts als Finsternis. Und als sie die Augen öffnete war es noch immer schwarz. Antonia drehte sich um. Sie stand auf einer Klippe über einem See und sah schwarz. Sie konnte Tierlaute hören, den Wind, der in den Bäumen auf der anderen Seite des Sees raschelte und das leise Geräusch, das kleine Wellen machen, wenn sie ans Ufer rollen. Sie roch den Geruch der wilden Natur, spürte die Kraft des Himmel und glaubte, bereits die Autos auf der weit entfernten Straße wahrnehmen zu können. Sie rieb sich die Augen und öffnete sie wieder. Schwarz. Was war das nur? Seit ihrer Geburt hatte Antonia stets einwandfreie Sicht gehabt, nie Probleme mit der Sehkraft. Nicht einmal eine Brille hatte sie benötigt. Und nun? Alles war anders. Etwas hatte sich geändert und schon war alles anders. Und dann hörte sie ein Scharren. Ein Knirschen. Ein Paar Stiefel kamen auf sie zu. Schwere Schritte. Ein feiner Schweißgeruch wehte zu ihr hinüber und sie wurde sich mit einem Schlag bewusst, dass es nun soweit wäre.

Als man sie hergebracht hatte, hatte sie, Angesichts der Schönheit des Ortes, die sie zwar nicht sehen, aber in ihrem Inneren aus den Geräuschen und Gerüchen zu einem überwältigenden Szenario kombinieren konnte, für kurze Zeit ihr Schicksal vergessen können. Außerdem kannte sie den Ort von früher her noch sehr gut. Zu dem Schweiß mischte sich nun noch Alkohol. Ein Mann kam auf sie zu. Er atmete in kurzen, schnellen Zügen, beinahe schon hechelte er. Antonia verspürte eine leise Angst. Aber sie war bereit. Bereit, ihrem Schöpfergott entgegenzutreten und sich zu rechtfertigen. Antonia war nicht religiös. Trotzdem fand sie die Vorstellung, dass es nach dem Tod noch weiter geht, tröstlich und hatte sie für sich in Anspruch genommen. Sie war der Überzeugung, dass sie in ihrem Leben nur einen großen Fehler gemacht hatte und einen Fehler würde man ihr im Himmel, oder wo auch immer, nicht ankreiden. Sie ging einen Schritt rückwärts. Der Mann näherte sich ihrem Gesicht. Sie begann zu schwitzen. Was, wenn er doch nicht...? Es war alles auf dem Spiel gestanden. Damals, als sie einstieg. Als sie sich verpflichtete mitzumachen und zu schweigen. Sie hatte es nicht geschafft. Die Qualen waren zu groß gewesen. Schließlich hatte sie alles erzählt. 7 Jahre waren noch eine milde Strafe gewesen, erholsam. Und sie hatte keine Lust gehabt, danach den anderen zu begegnen. Aber sie hatte ihnen auch nicht ewig entgehen können. Und sie hatten sie schließlich doch noch geschnappt. Und nun war sie hier. Konnte nichts sehen. Sie versuchte, sich den Mann ins Gedächtnis zu rufen. Hatte er nicht rote Haare? Und auch einen roten Bart? Außerdem trug er immer Leder. Sein linkes Auge war nach einem Autounfall halb zugewachsen und so sah es aus, als sei es während des Blinzelns eingefroren. Es schauderte sie. Sie kannte diesen Mann gut, sie hatte lange mit ihm zu tun gehabt. Zu lange. Nun war es zu spät. Warum hatte er sie blind gemacht? Jetzt und die Zeit davor? Liebe? Hass?

„Heute ist Zahltag.“ Hauchte er ihr ins Gesicht. Starker Whisky, erkannte sie. Seine Lieblingssorte.

„Ich weiß.“ Erwiderte sie. Sie begann zu zittern und versuchte, sich auf die Geräusche um sie herum zu konzentrieren. Schließlich hatte sie sich wieder unter Kontrolle.

„Bist immer noch ein hübsches Mädchen. Schade.“ John. Sie konnte sein bedauerndes Grinsen hören, als er ihren Namen nannte.

„Antonia.“ Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken. Sie musste sich konzentrieren. Ihre Ohren verfolgten das Flattern von Flügeln. Dann Stille, erneutes Flattern. Der Vogel flog über sie hinweg , sie vernahm das Zischen von Schwingen, die die Luft zerschnitten. Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter.

„Dreh dich um!“ Es klang fast ein bisschen flehend. John wollte das auch nicht. Antonia drehte sich um. Ihr Erinnerungsvermögen zeigte ihr ein Panorama unendlicher Schönheit, auf das sie blicken musste. Aber sie konnte es nicht sehen. Sie sah schwarz. Etwas Kaltes berührte ihren Hals. Sie hörte ein Klicken.

„Warum?“ Wagte sie zu flüstern „Warum damit?“

„Nicht damit. Nicht endgültig damit.“ Verzweiflung stieg in ihr auf. Wie lange noch? Wollte er ihr Schicksal hinauszögern. Kannte John es überhaupt?

„Es war ein Fehler, stimmt’s?“

„Ja, das war es.“

„Ich konnte nicht anders.“

„Ich weiß.“

Sie trat einen Schritt vor. Unter ihren Füßen löste sich loses Gestein und flog in den See. Antonia konnte das leise Aufklatschen hören. 50m waren nicht viel. Man konnte überleben, wenn man an einer tiefen Stelle aufkam. Aber ihre Hände waren gefesselt und sie sah nichts. Sie zog die Luft tief ein. Jedes Mal konnte das letzte sein. Noch ein Schritt. Sie roch etwas. Abgase.

„Ich liebe dich, Antonia.“

„Tut mir leid, John.“

Das war es. Ihr Schicksal. Es trug sich an einem ruhigen, unschuldigen Ort zu. So unschuldig, wie sie damals gewesen war. Es war der Tod. Jetzt und hier. Noch einmal nahm sie alles um sich herum in sich auf. Die Erde unter ihren Füßen, das Plätschern des Sees, den Gesang der Vögel, die Wärme der Sonne. Und den unscheinbaren Geruch eines zarten Männerparfüms.

„Noch einen Schritt!“

„Ja, John.“ Sie spürte, wie er den Finger anzog. Dann fiel sie. 

Ein Knall zeriss die Luft. Antonias Trommelfell schien zu reißen. Der leblose Körper fiel und fiel. Mit einem Klatschen landete er im Wasser und versank.  

Antonia klammerte sich mit den Fingerspitzen an der Kante fest. Zwei starke Hände ergriffen ihre Arme und zogen sie hinauf.

„Danke, Sergeant.“

„Keine Angst, Ihre Blindheit wird in zwei bis drei Stunden verschwunden sein.“

John war stets ungepflegt gewesen.

 

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